Umzug

Ab sofort ist mein Blog unter http://www.knecht05.de zu finden.

Fertig !!!

Hallo Ihr,

es ist vorbei...

seit Donnerstag Morgen bin ich frei von Arbeit. Schon am Abend sind nach der Verabschiedungsfeier von uns Freiwilligen sind die meisten meiner Jungs nach Hause gefahren, da sie am Donnerstag keine Pruefungen mehr hatten. Zum Abschluss habe ich von meiner Family ein Jordan-T-Shirt mit den Unterschriften meiner Jungs bekommen. Mit den vier uebrig gebliebenen Jungen habe ich einen Videoabend mit Chips und Saft gemacht, bevor auch sie am naechsten Morgen sich auf den Heimweg machten. Kleiner Schock gleich zum Beginn meiner Ferien. Ich hatte eine Stunde mit dem Glauben verbracht einem der Vier ins zwei Stunden entfernte Ajloun nachzureisen um den bei ihm vermuteten Schluessel fuer die Tuer zur Family zu holen. Gluecklicherweise hat er ihn noch einem der anderen Freiwilligen uebergeben. Mit meinem Erzieher war zum Mittagessen bei Michael, dem kleinsten, aber intelligentesten in meiner Family eingeladen. Es gab in Zuccini und Weinblaetter eingerollten Reis. Einfach super. Von dort bin ich gleich zur Katharinas Schwester gefahren, wo ich mit den anderen Freiwilligen zum Lasagne-Essen getroffen habe. Die Einladungen nehmen kein Ende. Am Freitagabend waren wir bei Musa, dem deutsch-jordanischen paedagogischen Berater der Schneller-Schule im christlichen Ort Fuhays zum Grillen und Uebernachten. Und heute war ich bei der Verabschiedungsfeier der fertig ausgebildeten Schreiner, Mechanikern und Schlossern. Davor war Gottesdienst mit dem neuen Bischof der anglikanischen Kirche im Nahen Osten. Uebermorgens fahre ich nach Syrien und in den Libanon. Ich werde hoffentlich schoene Tage in Damaskus, Palmyra, Aleppo und auf dem beruehmten Krak des Chevaliers verbringen. Im Anschluss besuche ich noch die Schneller-Schule im Libanon.

Und dann kehre ich schon zurueck!!!
Am 7.7.07 werde ich um 7.77 14.10 MEZ deutschen Boden betreten, insha'allah (so gott wuenscht)
Ich habe mich entschlossen, eine der wichtigsten Entscheidungen meines Lebens, die Studienwahl, in Deutschland zu treffen. Und da am 15. Juli bei allen attraktiven Unis bzw. Studiengaengen Bewerbungsschluss ist, werde ich frueher als gedacht wieder da sein.

Herzliche Gruesse und auf ein baldiges Wiedersehen

Euer Matthias

Bildergallerie

An einer Hand von Bildern werde ich euch nun von den Ereignissen der letzten Wochen erzaehlen.
Wie schon im letzten Rundbrief erzaehlt, habe ich Anfang Mai ein Wochenende in der wilden jordanischen Natur verbracht. Hier nun ein paar Eindruecke, wenn auch die spektakulaeren Bilder ihr erst in Deutschland zu sehen bekommt, da ich die Kamera oft lieber wasserdicht verpackt aufbewahrt hatte.

Unser erster Schlafplatz zwischen Felsen
Unser erster Schlafplatz zwischen den Felsen

Einer der vielen heissen Quellen im Wadi Hesa, diesmal in Form eines Wasserfalls. An der roten Farbe an der Felswand erkennt man den hohen Eisengehalt des Wasser. Toll schmeckt heissen eisenhaltiges Wasser nicht, aber oft waren sie die einzigen Trinkwasserquellen
heisser Wasserfall

Das Wadi Hesa ist einfach traumhaft schoen. In der Mitte der blaue Fluss mit sehr warmen Wasser, daneben graue Steinbaenke, anschliessend die gruene Tropenvegetation mit den rosa Blueten und wo es keine Quellen mehr gibt, beginnen die steilen brauen Haenge zum Hochplateau
Wadi Hesa

Wadi Hesa

Wadi Hesa

Von den gewaltigen Schluchten am Unterlauf des Wadi Hesa zeige ich Bilder von meinen Mitfreiwilligen erst in Deutschland.

Seit kurzem haben wir Freiwilligen ein Katzenbaby in unserer Obhut. Mein Jungs haben sie gefunden und gemeinsam mit ihnen habe ich ihr das Ohr mit einer Pinzette gereinigt, das mit riesengrossen Zecken und Wuermer gefuellt war. Jetzt wird sie von uns aufgepeppelt und huepft in unserer Kueche umher.
Unsere Katze, getauft auf den Namen Nimer, auf deutsch Tiger

Katze-2

Letztes Wochenende bin ich in einer toten Stadt gewesen. Tot weil alles noch dasteht, da sie komplett von Palast bis zum einfachen Wohnhaus aus Basaltstein gebaut ist, der im Gegensatz zu Lehm die Jahrtausende ueberdauert.
Umm al Jimal

Eine der fuenfzehn Kirchen, deren Ruinen man dort finden kann

In den naechsten zwei Bilder erkennt man wie die Daecher konstruiert wurden. Grosse lange Basaltplatte wurden auf Stuetzen, die aus der Wandmauer herausragen, aufgelegt und wenn der Raum gross war mit einem Bogen in der Mitte des Raumes nochmal abgestuetzt
Dachstuetzen

Raum von Innen

Am Tag danach war das grosse Schulfest angesagt, im Anschluss danach soll nur noch fuer die Jahresabschlusspruefungen, die Anfang Juni beginnen, gelernt werden. Das Sportprogramm ist gestrichen worden, es gibt ein Kino und Fernsehen mehr und auch keine woechentlichen Schuelerversammlungen. In der Theorie...
Im Nachhinein haben wir erfahren, dass dies auch unser Verabschiedungsfest von den Jungs gewesen sein sollte.

Zu Beginn gab einen einen Mini-Marathon, der nochmal gezeigt hat, dass selbst die besten Fussballer absolut keine Kondition haben. Einer meiner Siebtklaessler hat es aber immerhin auf den 4. Platz bei 90 Teilnehmer geschafft und sich gegen viele Groessere durchgesetzt. Dann wurden die Drachen steigen gelassen, die in Unmengen in der Woche dafuer gebaut worden sind. Ich habe mit meinen Jungs einen Drachen fuer die Family gebastelt, der einen Adler als Motiv hat. Jede Wohngruppe der TSS hat neben einer Zahl auch noch einen Namen. Wir sind die Hoffnung-Familie, deshalb wurde von einer Innenarchitektin vier Bilder mit einem Tier passend zum Familiennamen in jeder Family aufgehaengt. Wir haben halt den Adler bekommen.
Familyrdrachen

Familyrdrachen-2

Drachenfestival

Zum Abschluss wurde im Innenhof des Internats bei droehnender arabischer Musik gegrillt und gespielt.
Barbecue

Drei-Jungs

Alle-Jungs

Nun ist die erste Woche ohne Arbeit vorbei. Die Jungs messen der Englisch- und Deutschpruefung einen sehr geringen Wert bei. Dementsprechend lerne ich jetzt taeglich drei Stunden Arabisch waehrend der Studytime. In der Spielzeit spiele ich Fussball oder ein Spiel mit fuenf Kisselsteinen oder bringe ein paar Jungs das Lied "Die Affen rasen durch den Wald" bei. Die Jungs werden nervoeser und aggressiver, dennoch ist die Stimmung zu den Jungs gut. Katharinas Schwester ist nun nach drei Monaten aus dem Zimmer ihrer Schwester ausgezogen, da sie von ihrer Arbeit eine Wohnung nun bezahlt bekommt. Heute ist Independance Day. Nichts ist los, die Strassen sind leer, die Verwaltung hat zu, so dass ich die fuer heute geplanten Unibewerbungen aufschieben muss. Dafuer ist ab morgen der paedagogische Berater der TSS fuer zwei Wochen in Deutschland und wir haben vormittags immer sein Buero zur Verfuegung. Drei Wochen vor Arbeitsende feile ich auch kraeftig an meinen Abschlussreferenz, die wir uns selbst schreiben muessen. Ich hab mich fuer Englisch als Sprache entschieden, weil das glaubwuerdiger ist, aber es kostet mich auch mehr Zeit.
Gestern habe ich nochmal zwei Hausbesuche in Salt gemacht und bin immer noch voll vom vielen Essen. Naechste Woche gehts nach Jerash.

Wenn die Pruefungen in einer Woche beginnen, werde ich kaum noch Zeit haben. Die Jungs sind nur zwei Stunden in der Schule ergo habe ich nur zwei Stunden Freizeit pro Tag. Daher werde ich mich wohl erst wieder nach Schuljahrsende melden.

Bis dann und herzliche Gruesse

Euer Matthias

4. Rundbrief

Theodor-Schneller-School 30. April 2007
c\o Matthias Knecht
P.O.Box: 340649 Marka-Amman
11134 Jordan
4. Rundbrief

Hallo liebe Freunde,

mein Jahr in Jordanien neigt sich dem Ende zu. Die Gedanken drehen sich immer öfter über das Danach in Deutschland als das Hier und Jetzt in der Schneller-Schule. Uni-Bewerbungen, Buchung des Rückflugs und die letzten Schulwochen stehen vor der Tür. Den Wunsch nach Deutschland zurückzukehren, verspürte ich zum ersten Mal, als ich meine Eltern nach unserem gemeinsamen Urlaub in Syrien und Jordanien mitten in der Nacht zum Flughafen gebracht hatte und wir uns für nur noch wenige Monate verabschiedet haben.

Zwei Wochen war ich mit meinen Eltern unterwegs gewesen. Die ersten drei Tage blieben wir in Amman und haben Jerash besichtigt, ehe wir uns auf eine Reise von Damaskus bis ans Rote Meer aufgemacht haben. Gerade die Fahrt von Amman nach Damaskus führte mir noch mal vor Augen wie wenig orientalisch Amman ist. Der Ausrdruck „hässlich“ fiel bei meinen Eltern oft. Ganz anders Damaskus, noch dazu in der Vorbereitungszeit für Ostern, das dieses Jahr orthodoxe und lateinische Christen gemeinsam feierten. Wir uebernachteten im Gästehaus der orthodoxen syrischen Kirche und haben Tag für Tag die Übungen insbesondere christlicher Jugendlicher für die Osterumzüge zu Ohren bekommen. Besonders ueberrascht war ich wieder von den Pfadfinder-ähnlichen Trachten der Jugendlichen, wie ich sie aus Bethlehem an Weihnachten gekannt hatte. Damaskus ist eine wunderbare Stadt. Alles liegt dicht beieinander. Die Besichtigung der Altstadt mit ihren omayyadischen Denkmälern und insbesondere der Omayyadenmosche, das Einkaufen in den Souqs von Damaskus, der Besuch in einem historischen Bad, das super Essen in damaszener Bürgerpalästen und ein Ausflug nach Malula haben uns einen ganz anderen und besseren Eindruck vom Orient gegeben, wie man es je in Jordanien bekommen könnte. Nach Malula, ca. eine Stunde Fahrt von Damaskus entfernt, sind wir gefahren, weil es sich um eine der christlichen Hochburgen in Syrien, malerisch in eine Felswand gebaut, handelt, in der auch noch heute Aramäisch, wie vor zweitausend Jahren in ähnlicher Form von Jesus Christus in Galiläa, gesprochen wird.
Nach der Rückkehr zur Schneller-Schule haben wir uns für die zweite Woche ein Auto gemietet, dessen Marke ich bis heute noch nicht rausgefunden haben. Es war jedenfalls groß genug, damit ich wieder Auto fahren konnte. Am ersten Tag sind wir den größeren Teil des sogenannten „Kingshighways“ abgefahren. Eine Straße, die auf einer historischen Handelsroute gelegen durch die schoensten Landschaften Jordaniens führt. An ihrer Strecke liegen Madaba, eine alte byzantische Stadt mit einer sehr wichtigen Mosaikenkarte des Heiligen Landes in einer der dortigen antiken Kirchen. In der Nähe befindet sich der Mount Nebo, wo Mose nach biblischer Überlieferung in das verheissene Heilige Land blickte, ehe er starb. Mose musste wohl einen guten Tag erwischt haben. Meist, auch als wir da waren, ist die Sicht so diesig, dass man schon Jericho, knapp hinter dem Jordan gelegen, nicht mehr erkennen konnte, vom Heiligen Land ganz zu schweigen. Ein wenig hinter Madaba thronen über dem Toten Meer auf einem steilen Bergkegel die Ruinen der jüdischen Festung Muchäerus, dem jordanischen Pendant zum israelischen Massada. Hier hat sich außerdem ein trauriges Kapitel des neuen Testaments abgespielt. Aufgrund eines Schwurs ließ der jüdische König Herodes den dort eingekerkerten Johannes den Täufer enthaupten. Diesmal war das Wetter besser, als wir den Grand Canyon Jordaniens, den Wadi Mujib durchquerten, aber kurz vor der Kreuzritterburg in Kerak war soviel Sand in der Luft, dass wir auf deren Besichtigung verzichtet haben und gleich weiter zum Dana Nature Reserve gefahren sind. Dort haben wir Evi und ihre Eltern getroffen, mit deren sich in den nächsten Tagen unsere Wege oft gekreuzt haben oder parallel verlaufen sind. Am nächsten Morgen, haben wir zu dritt mit Blick auf den Wadi Araba eine kleine Osterandacht gefeiert und sind in der Gegend herumgewandert. Achim, der sich ein wenig von seiner chronisch Magenverstimmung während der zwei Wochen erholt hatte, betätigte sich als Archäologe und erzählte noch ein paar neuere Erkenntnisse der biblischen Archäologie über die Lage des Berges, auf dem Mose die zehn Gebote empfangen haben soll und möglicherweise sogar in Südjordanien liegt. Am Nachmittag haben wir auf dem Weg nach Petra einen Stopp in Schobak gemacht, um doch noch eine Kreuzritterburg sehen zu können. Petra zum zweiten war natürlich immer noch beeindruckend und auch wieder in Wadi Rum zu sein, hat sich gelohnt. Abschliessend waren wir einen Tag Schnorcheln an den Korallen in Aqaba am Roten Meer und haben uns im Liegestuhl mit Blick auf den Sinai entspannt. Meine Schwester Mirjam wäre sicher neidisch geworden.
Am letzten gemeinsamen Tag sind wir noch mal auf biblischen Spuren gewandelt. Erst haben wir Pnöel am Rande des Jordantals gesucht, den Ort, an dem Jakob mit Gott gerungen haben soll. Aber letztlich sind wir aus Zeitdruck weiter zur Taufstelle Jesu gefahren. Dies ist die einzige Stelle, wo man bis an den Jordan gelangen kann, sonst befindet sich überall militärisches Sperrgebiet. Die Stimmung war komisch dort, der Himmel verdunkelte sich, der Pfarrer einer srilankischen Christengruppe sprang in den Jordan und fing an zu taufen und der weit und breit einzige Soldat versuchte auch nur zu verhindern, dass nicht einer schnell durch das fünf Meter breite Rinnsal namens Jordan nach Israel gelangte, deren eigene Taufstelle völlig verwaist war. Irgendwie war ich froh von dort wegzukommen. Den Abschluss des Urlaubs meiner Eltern sollte ein Bad im Toten Meer sein. Doch inzwischen regnete und gewitterte es nördlich und südlich unseres Strandes und das Tote Meer warf erstaunliche hohe und lebendige Wellen ans Ufer. Mein erstes Bad im Toten Meer war eine Katastrophe. Die Wellen warfen mich um, ich versank im Schlamm oder ich fiel auf einen der vielen großen scharfen Steine zwischen dem Schlamm. Mit Abschürfungen und einer Blessur am Knöchel stieg ich wieder aus dem Wasser und habe nun genug vom Toten Meer.

Nach dem nächtlichen Rückflug meiner Eltern begann am nächsten Morgen gleich wieder die Arbeit. Zwei Tage später sollte die zweite Umweltwoche in diesem Schuljahr beginnen. Für die Viert- bis Sechstklässler habe ich gemeinsam mit Katharina in dieser Zeit Experimente zum Thema „Wasser“ und zum Thema „Luft“ vorbereitet. Oft ging das Interesse auch über den bloßen Effekt hinaus und die Jungs waren auch an der Lösung interessiert. Nachmittags fanden außerdem Vorträge wie z.B. von Unicef oder Umweltlehrveranstaltungen mit der „Royal Society of Conservation of Nature“ statt. Den Abschluss der Umweltwoche bildete ein Ausflug aller Schüler zum Royal Botanic Garden mit Blick auf den wichtigsten Stausee Jordaniens, der natürlich für viele interessanter war, als der Vortrag von einem der Mitarbeiter. Danach sind wir weiter zum Wald-Naturreservat Dibien gefahren. Dort konnten die Jungs ihr Taschengeld beim Reiten verpulvern, im Wald spielen und es gab ein Mittagessen. Die Busfahrten liefen um einiges stressfreier als beim Ausflug der letzten Umweltwoche ab, dank der ausgefallen Klimaanlage des Buses und gleichzeitigem Sommerbeginn. Inhaltlich war die Umweltwoche meiner Meinung nach schwächer als beim ersten Mal, auch wenn es den Jungs sicher gefallen hat, mal wieder abseits des Schulalltags zumindest ein wenig etwas anderes zu lernen.

Mein Sportprogramm für alle Siebt- und Achtklässler läuft weiterhin gut. Ich habe sie entgültig nach den drei Extremen dynamische Sportler, faule Dicke und Jungs mit körperlichen und persönlichen Defiziten auf drei Gruppen verteilt. Für die acht Sportlichen scheint in der Sporthalle kaum genügend Platz zu sein, während die Dicken das Angebot teilweise gar nicht schätzen, mit mir in die Sporthalle zu gehen und lieber Standfussball spielen oder einfach draußen herumhängen wollen. Meine Psychomotoriker laufen hingegen ebenfalls super und ständig blitzen dort ungekannte Fähigkeiten und ungeahnte Potentiale auf. Dennoch ist es ungeheurer anstrengend mit ihnen gemeinsam Sport zu machen. Manchmal checken sie es einfach überhaupt nicht. Außerdem dringen meine Worte oft nicht bis zu ihnen durch, da sie verträumt in der Welt herumschauen oder an ihrem Sportgerät herumhantieren.

Nun ja, von der Arbeit in der Family gibt es nicht viel zu erzählen. Das Schwimmbad wird wohl erst nach Schulschluss aufmachen. Das Tagesprogramm ist gestern auf den Sommer zurecht geschnitten worden. Die Spielzeit ist auf den Abend verschoben worden. Dafür werden die Hausaufgaben gleich nach dem Mittagessen gemacht, was die Jungs nicht wirklich toll finden, nach dem sie schon den ganzen Morgen in der Schule waren. Außerdem mussten zwei tolle Jungs, auf die ich mich sehr verlassen konnte, meine Family verlassen und in eine andere Familie wechseln. Sie waren die Leidtragenden dafür, dass zwei andere Jungs bei der Familie für die kleinen Erst- bis Drittklässler keine Stütze (übrigens der Name des einen Jungen auf Arabisch) sondern ein Problem waren und nun bei mir sind.

Letztes Wochenende waren wieder von Donnerstag bis Sonntag vier Tage frei. Diesmal haben wir Freiwilligen eine Ecke erkundet, die wohl ein weißer Fleck auf der jordanischen Karte darstellt. Zwei Tage lang sind wir vom Kingshighway auf der Jordanischen Hochebene durch das Wadi Hesa ins Wadi Araba gewandert. Vollgepackt mit Essen für diese Zeit sind wir durch eine paradiesische Landschaft gewandert. Unser Trinken haben wir entweder aus einer der zahlreichen heißen Eisenquellen entlang des Wadi Hesa oder aus den Bächen der Seitentäler entnommen. Unsere Schuhe waren permanent mit Wasser gefüllt, was sich aber auch nicht vermeiden ließ. Durch warmes Wasser aus den heißen Quellen im Oberlauf des Wadi ist die Vegetation tropisch. Es gibt viele Palmen, knallbunte Blumen und auch sonst ist alles sehr grün, vielleicht auch deswegen, weil man oberhalb der Schlucht auf die braune Welt vom Geröll der Hänge blickt. Völlig unverständlich, warum das Wadi Hesa kein Naturreservat ist. Auf dem Weg sind uns neben Fröschen und Schlangen auch Tiere wie z.B. Krebse und Wildesel begegnet, die man dort nie vermuten würde. Weiter unten zieht sich das Wadi zu hohen Schluchten zusammen, wo im ganzen Wadi das Wasser fließt und die viel eindrucksvoller sind, als der Siq zum berühmten Schatzhaus in Petra. Auch Nachts bleibt es wegen der Wassertemperaturen warm. Erst spät in der Nacht bin ich leicht fröstelnd in meinen Schlafsack gekrochen, in dem es sonst zu heiß war. Drei Tage waren wir bis auf das Zusammentreffen mit einigen Ziegenhirten und an einem Wasserfall mit beduinischen Jugendlichen in tiefster Einsamkeit unterwegs. Auch wenn ich einen Rucksack voller Gepäck mit mir herumzuschleppen hatte, erholt habe ich mich sehr gut.

Inzwischen sind die Planungen für die Rückkehr nach Deutschland in den Vordergrund gerückt. Mein Idee, den elften Monat meines Zivildienstes im Libanon zu verbringen, spielt nun erst mal keine Rolle mehr. Erst vor kurzem ist mir klar geworden, dass mir als Anderer Dienst im Ausland-Leistender vierundzwandzig Werktage Urlaub zustehen, von denen ich bisher nur ein paar genutzt habe. So werde ich wohl im letzten Monat nur noch eine Woche an der TSS verbringen müssen. Daher denke ich, dass ich spätestens Ende Juli nach Deutschland zurückkehren werde. Wohin ich noch so reisen werde, steht noch nicht fest, aber von Syrien und Israel habe ich bisher wenig gesehen und im Libanon war ich noch gar nicht.
Den fünften und letzten Rundbrief könnt ihr im Juli mit meiner Rückkehr nach Frankfurt erwarten.

Viele liebe Grüße und auf ein baldiges Wiedersehen

Euer Matthias

Der Fruehling ist vorbei...

Gestern war der abschliessende Schulausflug der schon zweiten Umweltwoche der TSS in diesem Jahr. Es ging zum koeniglichen botanischen Garten, nichts davon gesehen, dafuer aber mal einen Blick auf den wichtigsten Stausee Jordaniens geworfen. 10 Minuten waren wir im Garten auf einer Dachterasse, ein Mensch hat was erzaehlt, aber nur wenige haben zugehoert. Dann sind wir mit dem Bus weiter gefahren. Praktisch auf die andere Seite des Sees, was aber aber wegen fehlender Bruecke, Baustellen und Pannen ungefaehr anderhalb Stunden gedauert hat. Alles nicht so schlimm, wenn bei uns im Bus nicht die Klimaanlage ausgefallen waere und der Sommer sich zum ersten Mal angekuendigt haette. Eingegangen sind jedenfalls alle. Immerhin hat die Hitze im Bus das Herumtollen der Jungs im Bus unterbunden. Angekommen im Naturreservat Debbien, durften die Jungs erstmal ihr ganzes Taschengeld fuers Reiten ausgeben, dann gab es Mittagessen und ehe wir etwas mehr vom Reservat gesehen hatten, haben wir uns schon wieder auf den Rueckweg gemacht, diesmal mit Klimaanlage. Alles in allen kein berauschender Abschluss der Umweltwoche. Ich habe in der Umweltwoche mit Katharina zum Thema Wasser und zum Thema Luft Experimente fuer die 4. bis 6. Klasse angeboten. Mit wenigen Ausnahmen, waren die meisten auch daran interessiert zu erfahren, warum sie so verblueffende Beobachtungen machen konnten.

Die Umweltwoche hat praktisch nahtlos an den Urlaub mit meinen Eltern angesetzt, aus dem ich weniger erholt gekommen bin, da ich meine Eltern erst nach Mitternacht zum Flughafen gefahren habe. Insgesamt waren sie zwei Wochen da und es war eine schoene Zeit. Die erste Woche waren wir in und Amman und in und um Damaskus in Syrien. Man konnte sehr gut den Unterschied zwischen einer alten orienalischen und historischen Stadt und den krebsartigen Auswueschen eines gerade mal 100 Jahre alten Tscherkessen-Dorfes erkennen. Dann haben wir uns mit Evi und ihren Eltern, die auch gerade zu Besuch da waren fuer eine Woche zusammengeschlossen und sind, zwar in zwei verschiedenen Fahrzeugen, gemeinsam an den gleichen Orten gewesen und manchmal sogar gemeinsam Programm gemacht. Den ersten Tag sind wir nach Mietung eines Leihwagen, dessen Marke (?irgendetwas amerikanische?) wir nie rausgefunden haben, den ehemaligen Koenigs-(Handels)weg abgefahren. Wir waren auf den Mount Nebo, in Madaba, auf den Ruinen der Herodesburg Muchaerus, sind durch den Grand Canyons Jordanien, den Wadi Mujib gefahren und wollten eigentlich noch die Kreuzritterburg in Karak anschauen, haben aber bei zu Viel Sand in der Luft und wegen Verspaetung darauf verzichtet. Bei Einbruch der Dunkelheit sind wir im Dana Nature Reserve angekommen, wo wir ueber die Nacht und bis zum Nachmittag geblieben und gewandert sind. Am Sonntagmorgen haben wir eine kleine Osterandacht gefeiert und neben ei hat sich Achim noch als Archaeologe betaetigt. Am Nachmittag waren wir auf der Kreuzritterburg in Schobak. Ich bin mit Evi zu einer unterirdischen Quelle im inneren des Berges im Dunkeln abgestiegen. Angekommen, musste ich enttaeuscht feststellen, dass man dort ueber eine 5 meter hohen Schacht am Fusse der Burg schon wieder raus konnte. In Petra, habe ich mit meinen Eltern fast die gleichen Sachen wie im Herbst angeschaut und sind dann nach zwei Tage weiter nach Wadi Rum gefahren. Dort war alles ein bisschen komisch, weil unser Camp und unser Auto nicht dem gleichen Bedouinen gehoert haben, was dann erst definitv war, als wir am naechsten Morgen ein wenig mehr bezahlen sollten. Dennoch wars wieder super schoen, dort zu sein. Bevor wir zurueck nach Amman gefahren sind, haben den Tag noch zur Erhohlung am Strand verbracht und die Aussicht ueber das Rote Meer zum Sinai vom Liegestuhl genossen. Den letzten Tagen sind wir erst ins Jordantal gefahren, um die ungefaehre Stelle zu finden, an der Jakob mit Gott gerungen haben soll und um mal auf einen Tell zu steigen, von dem man mal die endlosen Gewaechshaeuser im Jordantal ueberblicken kann. Vorbei an endlos vielen, am Strassenrand picknickenden Jordaniern sind wir zur Taufstelle Jesu gefahren. Mitten im militaerischen Sperrgebiert gelegen und dunkle Gewitterwolken herum, schien die Stimmung apokaliptisch zu sein. Man schaute auf eine menschenleere israelische Taufstelle Jesu und der Pfarrer eine srilankische Christenreisegruppe begann unvermittelt in den Jordan (ein Rinnsaal!) zu huepfen um zu taufen. Der weit und breit einzig anwesend jordanische Soldat hat sich darauf beschraenkt, die anderen zurueckzuhalten. Anschliessend waren wir Baden im Toten Meer. Ueberall um uns herum hat es gestuermt und geregnet, so dass das Tote Meer lebendig hohe Wellen hatte. Mein erstes Bad im Toten Meer war unfreiwillig, ich wurde von einer Welle umgeschmissen und haben mir zig mal an irgendwelchen unter der Wasseroberflaeche liegenden Steinbrocken mir was geprellt oder Schnittwunden zugefuegt. Also bin ich raus und alles hat gebrannt. Wir haben gerade noch ein wenig Wasser bei den Duschen bekommen, ehe das Suesswasser leer war. So sind wir ein wenig versalzen, zur christlichen Hochburg Fuheis gefahren um den letzten gemeinsamen Abend in einem empfohlenen Restaurant zu verbringen. Ehe ich sie zum Flughafen gefahren haben und mitten in der Nacht an der TSS angekommen bin. Am naechsten Morgen war ich noch in Fuheis, um das Auto zu bringen und war dann eigentlich platt, aber dann begann schon die Umweltwoche...

Heute habe ich nun einen weiteren Schritt getan, um meinen Plan, den letzten Monat von Mitte Juni an im Libanon zu verbringen, zu verwirklichen. Bisher hat weder der EMS-Nahostreferent, noch der TSS-Direktor und der Schneller-Verein-Vorsitzender Vorbehalte geaeussert und so habe ich nun mal beim Direktor der Johann-Ludwig-Schneller-Schule angefragt. Ich bin optimistisch, dass das jetzt alles so klappt...

So, das war fuers erste. Ich melde mich demnaechst nochmal. Vielleicht um von einer mehrtaegigen Wadi-Wanderung zu berichten koennen.

Liebe Gruesse

Euer Matthias

Korrekturen am Rundbrief

Hallo ihr,

ich denke, dass ihr in diesen Tagen meinen Rundbrief nun endlich auch in Papierform zu Gesicht bekommen habt. Auf Bitten des EMS habe ich aus Zeitdruck und manchmal auch Einsicht auf die kritischen Abschnitte verzichtet. Ich kommentiere, daher noch mal die betreffenden Stellen. Ich habe jetzt nicht das Gefuehl zensiert zu werden. Aber damit keine Missverstaendnisse entstehen, stelle ich hier nochmal meine Beweggruende da.

Ich bin inzwischen auch ohne jordanische Residence-Card in den Besitz eines Syrien-Visum gekommen, so dass ich nun mit meinen Eltern nach Damaskus reisen kann. Das EMS haelt das Thema Residence-Card fuer geklaert und ich schliesse mich dem an. Ich habe es aber fuer meine Pflicht gehalten, euch Unterstuetzer ueber die Sache zu informieren. Zumal sie mich schon persoenlich belastet, bsp. der Bluttest, hat.

Die Sache mit dem Essen ist ja intern ein alter Hut. Das auch die Raeume nicht gerade kinderfreundlich gestaltet werden duerfen, ist allerdings neu. Da ihr aber davon nichts wisst, war es fuer mich selbstverstaendlich, in einem der Rundbriefe das auch mal zu erwaehnen.

Im Gegensatz zu einigen Verantwortlich bin auch weiterhin der Meinung, dass die meisten gerne am Wochenende nach Hause gehen. Und das ist auch wichtig so, weil man sie sonst nur von ihren Familien abkappseln wuerde. Das ist gerade etwas, was die Schneller-Schule nicht will, dass aufgrund paradiesischer Bedingungen an der TSS die Kinder nicht mehr zu ihren Familien zurueckwollen. Dennoch habe ich auch vor kurzem einen meiner Jungs besucht, der aus den bisher aermsten Verhaeltnissen stammt und ohne Mutter aufgewachsen ist. Der Vater laesst ihn am Wochenende den ganzen Tag arbeiten, meist verkauft er Kaffee auf der Strasse. Er hasst es am Wochenende nach Hause zu gehen, da er weder lernen noch spielen kann. Und auch heute hat mir ein Junge gesagt, dass er nicht nach Hause will, obwohl er aus guten Verhaeltnissen kommt. Denn das Leben an der TSS ist anders als zu Hause. Immer mit Freunden zusammen und viel Platz zum Spielen, das gibt es am Wochenende nicht. Insofern ist die Sache ambivalent zu sehen.
So wie ich es formuliert hat, impliziert es natuerlich die Frage, warum gibt es dann die Schneller-Schule, wenn ihre Schueler gerne am Wochenende zurueckkehren. Ich denke, dass es weiter Elemente gibt, die die TSS besonders und wichtig machen. Wenn in Deutschland aber meist das Bild von besonders armen Jungs vermittelt wird, kann ich diesen Abschnitt natuerlich so nicht wie im Rundbrief stehen lassen, sondern muss ihn veraendern. Auch wenn ich das Bild in Deutschland des typischen TSS-Schuelers fuer nicht haltbar halte.

Ich habe jetzt Wochenende und werde morgen auf einen archaeologischen Ausflug mit der deutschen Gemeinde machen.

Bis bald,

Euer Matthias

3. Rundbrief (korrigiert und unzensiert)

Hallo liebe Freunde,

hier nun mein Rundbrief, von dem ich noch weiss ob er bei euch schon in Form von fuenf Seiten Papier angekommen ist:

Matthias Knecht 7. März 2007
c/o Theodor-Schneller-School
P.O.Box: 340659 Marka-Amman
11134 Jordan

3. Rundbrief

Liebe Unterstützer und Freunde,

ich wünsche euch allen, sehr verspätet, ein frohes neues Jahr.

Meine letzte Arbeitswoche vor Weihnachten war eine Mischung aus Chaos, Reise- und Weihnachtsvorbereitungen. Ich hatte gemeinsam mit den anderen Freiwilligen mehrere Tage reduzierte Aufgaben in der Family um Weihnachtsdekoration für die große gemeinsame Weihnachtsfeier zu basteln. Mein Erzieher schien sich im Nachhinein als einziger Erzieher an irgendwelchen Weihnachtsvorbereitungen zu beteiligen. Er hat unter anderem ein Krippenspiel auf die Beine gestellt und die Kirche mit einer Krippe in einer riesigen Felsenhöhle aus Pappmasche und Stangen dekoriert. Da höchstens nur einer von uns beiden in der Family war, nutzen einige Jungs diese Zeit umso mehr, um ihre Arbeiten nicht zu machen, nachts herumzutoben oder sich zu schlagen. Der Höhepunkt war, als ich alleine die Familie während der ersten Hälfte der Weihnachtsfeier noch einigermaßen herrichten musste, bevor nach der Weihnachtsfeier einige Gäste mit uns „M-Sach-chan“, Hühnchen und Zwiebeln mit einer gefüllten Brotrolle, gegessen haben. Diese letzte Weihnachtswoche wäre weniger anstrengend gewesen, wenn weitere Erzieher stärker in die Organisation der Weihnachtsfeier eingebunden gewesen wären.

Als am Tag nach darauf die Kinder nach Hause gefahren sind, wollte ich nur noch in den Urlaub nach Israel und den Stress der vergangenen Tage hinter mir lassen. Doch Johannes hatte morgens Bauchschmerzen, so dass wir beide nachmittags verspätet, aber dennoch für uns überraschend vor der geschlossenen Grenze im Jordantal standen und wieder umkehren mussten. Am nächsten Tag haben wir es dann gemeinsam mit Susanne und Evi und ohne israelischen Stempel im Reisepass über die Grenze geschafft. Das Interview mit dem Hessischen Rundfunk, das an diesem Tag stattfinden sollte, konnte an der Grenze auch noch auf Heiligabend verschoben werden. Weihnachten habe ich, wie ihr wahrscheinlich im Interview gehört habt, in Jerusalem und Bethlehem verbracht. Bethlehem ist an Weihnachten voller Leute. Christliche Pilger auf den Straßen, hohe kirchliche Würdenträger in den Kirchen der jeweiligen Konfessionen, palästinensische Politiker in rasenden Jeepkonvois und Sicherheitskräfte auf den Dächern und an jeder Ecke ließen bei mir eher Volksfest- als Weihnachtsstimmung aufkommen. Erst im deutsch-englisch-arabischen Weihnachtsgottesdienst in der lutherischen Kirche Bethlehems und in der Christmette spätabends in der deutschen Erlöserkirche der Jerusalemer Altstadt war ich glücklich darüber, Weihnachten in Jerusalem und nicht in Deutschland verbringen zu können.

Die restliche Zeit der zwei Wochen Urlaub in Israel verging wie im Flug. Viel Zeit haben wir in Jerusalem verbracht, wo wir gemeinsam mit den beiden anderen Jordanien-Freiwilligen des EMS in Irbid über den Dächern der Altstadt auf das neue Jahr angestoßen haben. Einmal hat es sogar in Jerusalem geschneit, so dass der Felsendom am nächsten Morgen eine weiße statt eine goldene Kuppel hatte. Natürlich hatte dieser Urlaub auch eine sehr politische Dimension. Oft musste ich durch einen Checkpoint oder stand vor einer acht Meter hohen Mauer. Bei einem Besuch in Jericho waren alle antiken Stätten geschlossen, weil die Angestellen wegen Geldmangels in der palästinensischen Autonomiebehörde keine Gehälter ausgezahlt bekommen. In allen Museen und Busstationen wird dein Gepäck geröntgt und du durchfilzt. Überall gibt es Überwachungskameras und der nächste Soldat, meistens jünger als ich, steht nicht weit entfernt. Dennoch ist mir die Atmosphäre in dieser Zeit nur wenig bedrückend vorgekommen, man scheint sich mit der Situation arrangieren zu können. Nach Israel werde ich sicher noch mal zurückkommen, weil ich es zeitlich nicht mehr nach Nordisrael und nach Galiläa geschafft habe. Aber auch weil Israel religiös und politisch sehr bereichernd für mich war.

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Eine Stunde Freizeit am Tag, weil die Jungs nur zu den Halbjahrsprüfungen täglich kurz in die Schule gegangen sind, hat kaum für ausreichend Erholung gesorgt. Am Rest des Tages wurde entweder gelernt oder die Schule herausgeputzt, denn höchster Besuch hatte sich angekündigt. Der jordanische König sollte anlässlich einer Baumpflanzaktion sich zum ersten Mal an die Schneller-Schule wagen. Schlussendlich hat der König seinen Bruder und Stellvertreter geschickt, angeblich nicht aus Angst vor den königshausfeindlichen Palästinensern in den umliegenden Lagern, sondern um die amerikanische Aussenministerin zu treffen. Der Besuch war enttäuschend, kurz und still. Die Jeeps kamen angerast, er stieg aus, schüttelte Hände (nein, keine Kinder- sondern VIP-Hände), pflanzte den Baum und fuhr wieder weg. In dieser Zeit war es unheimlich still, vielleicht weil alle enttäuscht waren, dass der König nicht gekommen ist. Mit seiner Abfahrt haben nach einer Woche Schule auch die dreiwöchigen Semesterferien begonnen.

Nach 36 Stunden Fahrt mit Schiff und Bus bin ich verspätet und übermüdet in Kairo angekommen. Die Fähre war leider unerwartet erst zehn Stunden nach unsere Ankunft in Aqaba losgefahren. Mit uns Schneller-Freiwilligen sind wieder die beiden Irbid-Freiwilligen des EMS nach Ägypten gereist. Kairo, immer gerne als „Mutter als Städte“ bezeichnet, ist bei weitem nicht so unübersichtlich und überfüllt wie ich es mir vorgestellt hatte. Nur bei den Fahrten durch die riesigen Vorstädte Kairos bekommt man einen Eindruck von den Ausmaßen und Auswüchsen dieser Stadt. Kairo ist in einem eine Metropole, ein islamisches Kultur- und Religionszentrum und mit den Pyramiden am Rande eine Antiquität. Der Straßenverkehr ist zu Stoßzeiten echt eine Katastrophe, aber dann gibt es ja noch Afrikas einzige U-Bahn. Und im Gegensatz zu Jerusalem ist Kairo vom Taxi über das Essen bis zum Hotel alles billig.

Nach ein paar Tagen in und um Kairo sind wir 1200 km mit der ägyptischen Eisenbahn in den Süden Ägyptens nach Assuan gereist. Assuan ist mit seinem besonders blauen Nilwasser, den grünen Inseln und den gelben Sanddünen nach einem nur einigen Metern breitem bewachsenen Uferstreifen, sowie unzähliger kleiner Holzboote mit einem weißem dreieckigen Segel der landschaftlich schönste Ort, den ich bisher gesehen habe. In der Nähe der Grenze zum Sudan haben wir den berühmte Tempel von Abu-Simbel besichtigt, der beim Bau des Assuan-Staudamm in Einzelteile zerlegt und an höherer Stelle wieder errichtet worden ist. Danach sind wir nilabwärts nach Luxor gefahren, wo wir das berühmte Tal der Pharonengräber und die gewaltigen Tempelanlagen des antiken Theben bewundern konnten. Sowohl in Assuan als auch in Luxor habe ich zum ersten Mal die Schattenseiten des Tourismus in Ägypten bemerkt, auch wenn sie stark durch Armut und Arbeitslosigkeit bedingt sind. Man kann kaum einen Schritt machen, ohne dass sich jemand dir in den Weg stellt, um auf sein Geschäft, sein Hotel, sein Boot, etc... mit den tollen Sonderrabatten zu verweisen. Gerade als Frau hört man andauernd auch anzügliche Sprüche, und sei es nur um die Aufmerksamkeit für den eigenen Laden zu gewinnen.

Nach Luxor habe ich mich von den anderen Freiwilligen für zwei Tage getrennt und einen Bade- und Radeltag in der wunderschönen Oase Siwa an der Grenze zu Lybien verbracht. Siwa ist anders als Ägypten. Nicht hektisch und schnell, sondern entspannend und langsam ist das Leben dort. Es gibt kaum Autos; man bewegt sich entweder im Eselkarren oder auf einem verrosteten Fahrrad fort. Nach der Rückkehr waren wir wieder vereint im koptisch christlichen Teil Kairos und die Totenstadt ausserhalb der Stadtmauern von Alt-Kairo durchwandert. Ehe wir uns auf den Rückweg nach Jordanien gemacht haben, haben wir die restliche Zeit genutzt, um zwei Nächte auf dem Sinai zu verbringen. Am Tag dazwischen sind wir erst zum berühmten, aber vollkommen überlaufenen Katharinenkloster am Fuß des Berges gewandert, an dem Mose die Zehn Gebote empfangen haben soll. Vom Kloster selbst sieht man leider kaum was. Nachdem man durch ein Loch in den Schutzmauern das Kloster betreten hat, kann man praktisch schon wieder umdrehen. Nur der Besuch der Verklärungskirche und der Stelle des Brennenden Dornbusch sind gestattet. Vom Hang aus kann man dafür von oben einen Blick in die ganze Anlage werfen. Von dort aus sieht das Kloster auch wunderschön aus. Am Nachmittag sind wir die 3750 Treppenstufen hoch zum Gipfel des Mosesberges hinaufgeklettert, um oben den Geburtstag von Anna-Maria aus Irbid mit einem Ständchen und Kaffee & Kuchen zu feiern und den Sonnenuntergang zu erleben. Dank Vollmond war der Abstieg und die Rückkehr zum Beduinencamp kein Risiko.

Angekommen in Jordanien wurden wir von regnerischem Winterwetter empfangen. Drei Wochen später ist die Schneller-Schule aus diesem Grund inzwischen grün. Dort wo früher brauner Boden war, wächst nun vor allem Gras und Unkraut. Und weil ich das erste Sprießen, während ich in Ägypten war, verpasst habe, scheint für mich ein Farbwechsel in Jordanien stattgefunden zu haben. Das Wetter ist sehr wechselhaft geworden. Mal gibt es einen Wolkenbruch, mal wunderschönes Frühlingswetter.

Auch meine Arbeit hat zu Beginn des zweiten Schulhalbjahres einen Umbruch erlebt. Seit Anfang des Jahres werden die Kinder einiger Mitarbeiter der Schneller-Schule nicht mehr vom Schulbus abgeholt, unter anderem die jüngste Tochter meines Erziehers. Leider hat sich keiner der anderen Mitarbeiter bereit erklärt, sich beim Hinbringen und Abholen der Kinder mit meinem Erzieher abzuwechseln oder einen der noch freien Plätze in deren Autos zur Verfügung zu stellen, noch nicht mal gegen einen größeren Unkostenbeitrag. Das es hier manchmal so unchristlich zuzugehen scheint, hat meine Arbeit in der Family intensiviert. Ich bin nun regelmäßig morgen alleine für die Familie verantwortlich. Mein Erzieher kommt für eine halbe Stunde vorbei und frühstückt mit uns. Dann muss er aber schon wieder gehen, um seine Tochter zur Schule zu fahren. Nach der Schule bin ich aus dem selben Grund wieder eineinhalb Stunden mit den Jungs alleine, bis mein Erzieher kurz vor der täglichen Spielzeit vorbeikommt. Die erste Woche nach den Sommerferien war ich schwer beschäftigt die nötige Autorität, um auch alleine Verantwortung zu übernehmen können, aufzubauen.

Dennoch ist die Anwesenheit meines Erziehers weiterhin absolut notwendig für mich und meine Family. Meines Wissens hilft kein Erzieher so viel bei den Hausaufgaben oder vor Prüfungen und ist eine so wichtige Vertrauensperson für die Jungs. Ein gutes Beispiel dafür und eine große Erschütterung für mich war, als aus dem Portmonnaies zweier Jungs in meinem Schrank Geld verschwunden war und der Verdacht auf jemandem fiel, der zu den einzigen gehört, zu denen ich vollstes Vertrauen hatte und dem ich bisher schon mehrmals meinen ganzen Schlüsselbund gegeben hatte, um in der Spielzeit auf das Klo in den abgeschlossenen Räumen unserer Family zu gehen. Sicher war es auch ein Fehler von mir, ihm so viel Verantwortung zu geben und der Versuchung zu widerstehen, diese Gelegenheit, alleine mit allen Schlüsseln in der Family zu sein, zu nutzen, zu mal er aus wirklich armen Verhältnissen kommt. Issa, mein Erzieher nahm ihn auf meinen Tipp hin in mein Zimmer und schon eine Viertelminute später, hatte er alles freiwillig gestanden, da er wusste, dass Issa die Sache vertraulich behandeln würde, wenn er das Geld sofort und heimlich zurückbringt.

Der Diebstahl des Geldes war der Auftakt zu einer Woche voller Probleme. Erst habe ich mir beim Fussballspielen den Fuss verdreht, vermutlich verursacht dadurch, dass meine Muskeln am Knöchel nach dem Aussenbandriss vor fünf Monate noch nicht ganz in Ordnung sind. Zwei Tage später habe ich ebenfalls beim Fussballspielen den großen Zeh gebrochen. Wieder einen Tag später musste ich ins Krankenhaus um eine Platzwunde am Kiefer nähen zu lassen. Nachdem sich zwei meiner Jungs um einen Besen gestritten hatten und der eine dem anderem dabei mit dem Besen auf den Kopf geschlagen hatte und wollte ein dritter mir zeigen, was sich genau ereignet hatte. Er holte aus, schleuderte den Besen mit aller Kraft nach vorne, doch dabei löste sich der Kopf vom Stiel des Besen und flog quer durch den Raum und traf mich geschossartig am Kinn. Im Nachhinein betrachtet, hatte ich Glück, dass ich nur so tief am Kopf getroffen worden bin.

Dennoch ist der Kontakt zu den Jungs super. Das Highlight des Tages ist im Moment, wenn wir Abends gemeinsam Tom & Jerry im Fernsehen schauen. Da es keine Zeitung im Internat und auch sonst wenig Möglichkeiten gibt, für die Allgemeinbildung der Jungs etwas zu tun, habe ich beschlossen, dass wer will nach Tom & Jerry noch eine Viertelstunde Nachrichten bei Al-Jazeera schauen kann und erst dann ins Bett muss. Gerade ist die Vorfreude besonders groß auf das Fussballspiel zwischen den Siebtklässlern aus meiner Family und den Sechstklässlern aus Katharinas Family, da es sonst üblich ist, nur unter sich Fußball zu spielen. Ich möchte außerdem gemeinsam mit meinem Erzieher beginnen, ein Theaterstück mit mehreren Sketchen passend zum diesjährigen pädagogischen Jahresthema „Kinderrechte“ einzuüben und aufzuführen.

Parallel zu Freude an der Arbeit ist auch die Ernüchterung über den Rahmen, in dem meine Arbeit stattfindet, wiedergekommen. Ich bin leider immer noch mit einem jordanischen Touristenvisum im Land, zu deren Verlängerung ich nach einer Reise ins Ausland scheinbar immer einen Bluttest brauche, bei dem ich leider schon einmal in Ohmacht gefallen bin und wahrscheinlich die ein oder andere folgen wird. Der Ärger darüber ist deswegen groß, weil mir noch im letzen Sommer auf den Vorbereitungsseminar des EMS eine Residence-Card für ein Jahr versprochen wurde, die aber der Direktor wohl nie gewollt hat. Ein weiteres Ärgernis ist, dass ich ohne jordanische Residence-Card nur an der syrischen Botschaft in Deutschland ein Visum für Syrien bekomme. Jetzt muss ich schauen, wie ich vielleicht auf einem inoffiziellen Weg oder an der Grenze mit Glück an ein Visum für Syrien komme.

Der andere Teil des Rahmens meiner Arbeit, die Einrichtung hat mir in der letzten Zeit oft zu denken gegeben. Der personelle Situation im Internat ist kritisch und wird in den nächsten Monaten wohl noch angespannter werden. Die Erzieher sind manchmal scheinbar mit dieser Situation überfordert und werden demotiviert, sich über ihre Pflichten hinaus zu engagieren.. Die Gehälter sind kläglich, insbesondere die Preissteigerungen, die es durch den Irakkrieg und den Zustrom reicher Flüchtlinge nach Amman gegeben hat, lasten schwer. Es ist daher kein Wunder, dass die Schneller-Schule Probleme hat, neue christliche Erzieher zu finden.
Beim Essen bekommen die Kinder meiner Meinung nach keine vollwertige Nahrung. Einmal in der Woche einen Apfel oder ein anderes Obst und sonst fast immer nur Gurken und Tomaten reichen eher nicht.
Im Winter schlafen meine Jungs in lausig alten Decken. Immerhin wird in der Family von 16 bis 21 Uhr geheizt, so dass niemand, abgesehen von mir am Wochenende, frierend ins Bett gehen muss.
In den Räumen der Family dürfen Verschönerungen wie Bilder und Plakate offiziell nur an Holzleisten aufgehängt werden, die nach sechs Monaten immer noch nicht montiert worden sind, so dass die Family kahl und leer wirkt und keine kinderfreundliche Atmosphäre herrscht. Der Einwand, dass die Situation an der Schneller-Schule immer noch besser ist, als die Situation bei den meisten zu Hause, kann ich nicht immer gelten lassen. Dafür gehen einige meiner Jungs viel zu gerne nach Hause, beschweren sich über die schlechte Qualität und Quanität des Essens, wollen lieber zu Hause duschen und haben auch oft fürsorgliche Eltern oder andere Familienangehörige. Diesen Eindruck gewinne ich besonders, wenn die Eltern am Nachmittag in der Schule vorbeischauen und ich die Familien zu Hause besuche.

Es ist schwierig zu sagen, warum besonders im Internat einiges im Argen liegt. Individuelle Schuld gibt es keine. Eher scheinen eine ganze Reihe von Faktoren dafür verantwortlich zu sein, dass diese Missstaende nicht schnell beseitigt werden. Es ist kein Bedürfnis von mir diese Missstände mit diesem Brief publik zu machen. Aber ich denke, dass meine letzten Rundbriefe diese nur ungenügend angesprochen und euch kein wahrheitsgetreues Bild von der Schule vermittelt haben.

Wichtig ist, dass mir diese Probleme den Spaß an der täglichen Arbeit mit den Jungs nicht rauben und ich mit viel Zuversicht in die letzten Monate meines Zivildienstes an der Schneller-Schule gehe.

Viele liebe Grüße

Euer Matthias

Ende der Funkstille

Sorry dass ich so lange nichts von mir hoeren liess. Was in den letzten Zeit passiert, werdet ihr demnaechst im 3. Rundbrief lesen, den ich dann auch hier veroeffentlichen werde.

Vier Wochen lange habe ich nun 6 Tage lang die Woche wieder gearbeitet. Es wurde daher Zeit fuer ein laengeres Wochenende, das hier von Donnerstag bis Sonntag geht. Den Donnerstagnachmittag habe ich genutzt, um mir einen Email mit dem EMS zu fuehren, bei dem es um den Inhalt meines Rundbriefs ging. Das ist auch der Grund, warum der naechste Rundbrief noch nicht bei euch angekommen ist. Ich hab die Situation der TSS ein bisschen zu drastisch geschildert und den Direktor, mein Fehler, in ein falsches Licht gesetzt. Jetzt ist die Ueberarbeitung in Gange.

Am Freitag haben Evi, Johannes und ich gemeinsam mit Bisaan, der Tochter von unserer Gastfamilie in Ost-Jerusalem waehrend der Weihnachtsferien, die hier in Amman studiert einen Ausflug gemacht. Wir sind mit einem gemieten Auto erst nach Madaba und Mount Nebo gefahren, was ich ja schon im August gemacht habe, wo wir allerdings weniger Zeit hatten und ich auch sonst viel ahnungsloser war. Dann sind wir noch auf den Tell Hesban gefahren, unter dem mehrere Tausend Jahre Geschichte vergraben ist. Zum Abschluss des Tages sind wir in ein Wadi am Toten Meer gefahren, wo es super heisse Wasserfaelle und ein paar Becken gibt. Bei 45 Grad Celsius habe ich schon gekocht, aber bei dem 65 Grad heissen Wasserfall hat es dann weh getan.

Am Samstag sind wir mit dem oeffentlichem Bus nach Ajloun gefahren, wo es ein gut erhaltenes und wunderschoen gelegenes muslimisches Gegenstueck zur christlichen Kreuzritterburg gibt. Wir haben viel auf den Mauern herumgelegen und sind dann gegangen, als die bewaffnete Armee an Polizisten und Bodyguard eines unbekannten VIPs die Festung stuermte. Wir sind noch auf einen Nachbarhuegeln gestiegen und am spaeten Nachmittag weiter nach Irbid gefahren um unsere Mitfreiwilligen dort zu besuchen.

Am gestrigen Sonntag bin ich mit Johannes zur Irbid-Uni gefahren um das beste Museums Jordanien ueber Aerchaeologie und Anthropologie zu besichtigen. Anschliessend sind wir alle gemeinsam nach Pella am Rande des Jordan-Tals gefahren. Dort gibt es ein paar kaum ausgegrabene Ruinen einer roemisch-hellenistischen Stadt. Ich hatte das Gefuehl, als ob ich in den Alpen waere. Die Temperaturen waren angenehm und ausreichend um endlich wieder nur mit Poloshirt herumzulaufen. An den roemischen Sauelen weideten Kuehe und Schaf- und Ziegenherden. Es gab keine weiteren Touristen. Die Blumen haben geblueht und die Wiesen waren gruen. Wir sind ein bisschen in eines der Wadis hereingewandert und haben ansonsten wieder viel in der Sonne herumgelegen und es uns gut gehen lassen.

Regenwetter in Jordanien

TSS in Gruen

Fruehling in Jordanien

Meine Siebtklaessler vor ihrem wichtigen Spiel gegen Katharinas Sechstklaessler, das wir beide organisiert hatten. Ergebnis 9 zu 0 fuer meine Jungs.

Fussballteam meiner Siebtklaessler

Tell Hesban

Sonnenuntergang ueber dem Toten Meer

Eingang zur muslimischen Burg

Aussicht von der Burg

Pella

Tempel in Pella

Pause im Wadi

gruener Wadi bei Pella

Blumen

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