...

Hallo,

inzwischen ist das erste Wochenende in Jordanien waehrend der Schulzeit vorrueber, wobei das hier Donnerstagnachmittag und der ganze Freitag bedeutet. Nach den anstrengenden ersten Tagen lagen wir, nachdem die Kinder am Donnerstagmittag nach Hause gegangen waren, faul auf den Sofas im Guesthouse herum. Eigentlich hatten wir vor fuer Susanne, die am Donnerstag Geburtstag hatte, zu kochen, aber wir mussten feststellen, dass unser Herd noch an kein Gas angeschlossen war und es lies sich auch kein funktionstuechtiger Gasbehaelter auftreiben. Daraufhin sind wir ein wenig frueher zum Jordanischen Kurzfilmfestival aufgebrochen, von dem wir im Goetheinstitut in Amman gehoert haben. Es hat in einem Hotel in einem Reichenviertel Ammans stattgefunden und ueberhaupt waren Preise und Leute eher europaeisch. Skurill wurde es fuer mich, als ein Kurzfilm ueber Schicksale weiblicher Gastarbeiter aus Sri Lanka in reicheren libanesischen Haushalten gezeigt wurde. Man hatte das Gefuehl, dass der Grossteil der arabischen Gaeste sich von einer solchen Angestellten unter meist miserablen Bedingungen zu Hause bedienen lassen.

Am Freitag waren wir von zwei ehemaligen Schuelern der TSS eingeladen, die jetzt auf eine weiterfuehrende Schule gehen. Beide hatten bei einem Workcamp von der badischen Kirche und den Schneller-Schulen teilgenommen, bei dem auch Susanne dabei war. Die Vermutung, da wir einen netten Tag, bei ihnen auf der Bude verbringen wuerden, bestaetigte sich nicht. Vielmehr wurden wir mit dem Auto abholt und zu den Eltern von einem der beiden gefahren, wo die Familien der beiden auch anwesend waren. Ich habe erlebt, was es kulinarisch bedeutet in Jordanien eingeladen zu sein. Das Essen, auch in der Menge, war im Vergleich zu den Moeglichkeiten in der kleinen Kueche hervorragend. Allerdings haben Evi, die gerade erst angekommen ist, Johannes und ich nur wenig von der Fuersorglichkeit der arabischen Gastfreundschaft mitbekommenn. Vermutlich lag das daran, dass das Interesse eher an Katharina und besonders Susanne lag, sowohl von den beiden Schuelern auch von deren Eltern. Wie weit nun das Interesse geht, ist uns allen noch nicht klar, auch wenn wir ab der Rueckfahrt und den Rest vom Freitag heftig hin und her spekuliert haben.

Am Samstag kamen die Jungs um 7 Uhr in die Schule. Ich musste fuer sie die Tuer zu unseren Raeumen aufschliessen, damit sie ihr Gepaeck abstellen konnten. Vormittags waren wir nochmal in Marka, der Vorstadt von Amman, an die die TSS grenzt. Nachmittags war natuerlich Freizeit, weil am Sonntag keine Schule in der christlichen TSS ist und somit die zweistuendige Studytime am Nachmittag ausgefallen ist. Um sechs Uhr abends bin ich noch schnell mit fuenf Jungs aus meiner Gruppe nach Marka gefahren, damit sie ein wenig von ihrem Taschengeld ausgeben koennen, auch als Belohnung fuer ihr positives Verhalten waehrend der Woche. Seitdem werde ich von den anderen Jungs andauernd gefragt, ob sie denn naechsten Samstag mitgehen duerfen. Der Ausflug hat eine Stunde gedauert und ist mit meinen bescheidenen Arabischfaehigkeiten ueberraschend gut verlaufen.

Am Sonntag durften alles zwei Stunden laenger bis 8 Uhr schlafen. Von dieser Moeglichkeit schien in unserer Family nur ich Gebrauch gemacht zu haben. Nach dem Fruehstueck-Picknick mit den anderen Familien im Innenhof des Boarding Houses haben sich die Jungs total herausgeputzt und Hygiene-Artikel hevorgeholt, die ich nie bei ihnen vermutet haette. Aber schliesslich stand fuer die christlichen Jungs um 10 Uhr Gottesdienst auf dem Programm. Da es sich um eine episkopale Einrichtung handelt, war auch fuer mich der Gottesdienst etwas neues. Die Freiwilligen und die Erzieher mussten bei ihren Kindern sitzen und das ein oder andere Mal musste ich eingreifen und fuer Ruhe sorgen. Der Gottesdienst hatte vom Ablauf her doch recht viele Gemeinsamkeiten mit einem in Deutschland. Natuerlich werden die Lieder auf Arabisch gesungen, allerdings klang alles ein wenig schraeg, aber es waren schoene Lieder. Auch das Glaubensbekentnis und das Vater Unser habe ich erkannt, zumindest glaube ich dies getan zu haben. Die Predigt war umso ueberraschender. Pfarrer und Direktor der TSS Hanna Mansour hat nicht von einer Kanzel geredet sondern ging nach vorne zu den Baenken und schien zumindest einzelne Kinder zum Nachdenken motiviert zu haben, da er Fragen an die Kinder gestellt hat und dann ihre Meinung hoeren wollte. Viel verstanden habe ich davon allerdings nicht. Eigentlich nur, dass wir fuenf Freiwilligen mal erwaehnt wurden und als das arabische Wort "Namus" gefallen ist, was eigentlich "Stechfliege" bedeutet...

Am Montag ist dann wieder der Schullalltag eingekehrt. Am Vormittag wurden dann endlich die Verantwortlichen der TSS aktiv und sind mit allen anderen Freiwilligen ausser mir ins Krankenhaus gefahren, weil sie seit einer Woche kaum mehr richtig geschlafen haben, da es sie nachts im Bett furchtbar juckt. Auch fuer die Kinder waren die roten Punkte nicht mehr zu uebersehen und immer haeufiger gab es Fragen nach deren Ursache. Allerdings steht die auch nach dem Krankenhausbesuch immer noch nicht fest. Die Vermutung geht in Richtung Milben als auch Floehe. Jedenfalls bekommen die anderen Freiwilligen nun neue Matratzen und Bettwaesche. Ausserdem haben wir ein Spray gegen Insekten gekauft und angefangen damit alles was in den Zimmern kriecht, damit tot zu keulen. Ausserdem gab es bei Johannes' Erzieher, der auch verantwortlich fuer den Internatssport ist, ein morgendliches Krisentreffen, weil eigentlich das neue Sportprogramm an diesem Montag starten sollte, damit nicht nur immer drei Fussbaelle an alle Kinder ausgegeben wird und die dann nur Fussball spielen. Allerdings waren fuer die geplanten Angebote Volleyball, Basketball und Beach-Handball, was ich organisiere, immer noch nicht die Baelle aufgepumpt und die Schule besitzt nur eine lausige Handpumpe. Auch waren meine Handballtore immer noch auf der anderen Seite der Schule. Irgendwie haben die es dann doch geschafft, so dass nun gestern von sechs bis sieben Uhr keine Freizeit mehr ist, sondern betreuter Sport, der auch ein paar Uebungen einschliesst und nicht mehr blosses Gekicke. Mein Beach-Handballangebot hat verhaeltnismaessig gut geklappt. Ich hatte genau die benoetigten acht Jungs, die auch gut mitgezogen haben. Ich bin mal gespannt, ob sie naechste Woche wieder mitmachen...

Vom gestrigen Anschlag moechte ich an dieser Stelle nur soviel sagen, dass wir von der Naehe nun doch ueberrascht sind. Wir sind erst letzte Woche zu Fuss an der Anschlagsstelle vorbeigelaufen, um dahinter in Downtown einzukaufen.
Jedenfalls wurden die Regeln fuer uns verschaerft. Wir muessen immer per Handy erreichbar sein und uns beim Verlassen der TSS immer abmelden. Ausserdem sollen wir uns diese Woche erstmal von Amman fernhalten.

Mir gehts gut und macht euch keine falschen Sorgen. Ich werde die Augen nun aber umso mehr aufmachen.

Viele liebe Gruesse

Euer Matthias

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